Deutsch · 2026

Auf See

Drei Übertragungen und eine vielschichtige kritische Lektüre

Ein Gedicht vonPanagiotis Katopodis

Ein kleines Wasserfahrzeug durchquert gleichzeitig zwei Meere: die Meereslandschaft der Abwesenheit und die vom Schweiß salzig gewordene Menschenmenge. Keine der drei Fassungen beansprucht Endgültigkeit; jede macht eine andere Strömung des griechischen Originals lesbar.

Drei Überfahrten ins Deutsche

I

Drei Überfahrten ins Deutsche

Die textnahe Fassung bewahrt die Architektur des Griechischen, die lyrische Neuschöpfung sucht ein eigenständiges deutsches Gedicht, die körperlich-soziale Transkreation legt das im Text versunkene Menschenmeer frei.

I · Textnahe Übersetzung

Auf See

Jeden Tag.Ich suche dich auf See.

Dort, wo der Himmelsich mit der Sole vereint.

In einem kleinen Wasserfahrzeug.Einem Zweisitzer.

Wenn ich dich finde,wird es ein Lächeln des Schicksals sein.

Doch ich glaube,du hältst dich dort nicht mehr auf.

Und vielleicht verlieren sichdie Meerjungfrauen im Westen.

Doch wenn ich dich nicht finde,werde ich das Ruder loslassen.

Und ich werde zulassen, dass die Solemich auslöscht.

Eine an den Zeilen orientierte Fassung. Sie bewahrt die schroffen Haltepunkte, den beinahe technischen „Zweisitzer“ und die stoffliche Härte der „Sole“.

II · Lyrische Neuschöpfung

Draußen auf See

Tag für Tag.Ich fahre hinaus, dich zu suchen.

Dorthin, wo der Himmel sich neigt,um das Salz zu kosten.

In einem kleinen Boot.Für zwei gemacht.

Sollte ich dich finden,nenne ich es das Lächeln des Schicksals.

Doch etwas sagt mir,du treibst nicht mehr hier entlang.

Vielleicht verblassen auch die Nixenmit dem Abendrot.

Wenn ich dich nicht finden kann,löse ich die Hand vom Ruder

und überlasse mich der Salzflut,bis die Welt mich nicht mehr kennt.

Ein freieres deutsches Gedicht: Satzbau und Bild weiten sich, damit Rhythmus, Zärtlichkeit und das endgültige Verschwinden natürlich atmen können.

III · Körperlich-soziale Transkreation

Das Menschenmeer

Jeden Tag.Ich suche dich im Menschenmeer.

Wo der Himmelauf das Salz unseres Schweißes trifft.

In einem kleinen Boot.Platz für zwei.

Wenn ich dich finde,lächelt das Schicksal durch die Menge.

Doch ich glaube,du bewegst dich nicht mehr in diesen Strömungen.

Und vielleicht verlieren sich die Meerjungfrauenim sinkenden Licht.

Wenn ich dich nicht finde,gebe ich das Ruder frei.

Und lasse das Salz von uns allenmich auslöschen.

Eine offengelegte Transkreation: Das Meer wird zur Menge, die Sole zum Salz kollektiven Schweißes. Sie spricht aus, was die kritische Lektüre unter der wörtlichen Fahrt hört.

Das unveränderte griechische Original lesen

Griechischer Ausgangstext

Στη Θάλασσα

Κάθε μέρα.Σε ψάχνω στη θάλασσα.

Εκεί που σμίγει ο ουρανόςμε την αρμύρα.

Μ' ένα πλεούμενο μικρό.Διθέσιο.

Αν θα σε βρω,θά 'ναι χαμόγελο απ' τη μοίρα.

Όμως, νομίζωδε συχνάζεις πια εκεί.

Και οι γοργόνες ίσωςχάνονται στη δύση.

Μ' αν δε σε βρω,θα παρατήσω το κουπί.

Και θα αφήσω την αρμύρα,να με σβήσει.

Ελληνικό πρωτότυπο · ορθογραφία, στίξη και διάταξη απαράλλακτες

II

Vielschichtige Lektüre

Die Lektüre hält drei Maßstäbe zusammen — intimen Verlust, existenzielle Auflösung und körperliches Leben unter anderen —, ohne einen davon zur bloßen Allegorie eines anderen zu machen.

01

Jeden Tag: Suche als Ritual

„Κάθε μέρα.“ — „Jeden Tag.“ — ist ein vollständiger Satz und zugleich eine angehaltene Bewegung. Der Punkt schneidet in die Kontinuität, die er benennt. Die Fahrt ist kein einmaliges Abenteuer, sondern ein Ritual, das wiederkehrt, weil die Abwesenheit ungelöst bleibt.

Die gesuchte Person bleibt schlicht „du“. Geliebter Mensch, Verstorbene, verlorene Gemeinschaft, Heimat oder ein entfremdeter Teil des Selbst: Alles bleibt möglich, nichts wird festgeschrieben. Die ausgesparte Biografie macht die zweite Person zu einer Leerstelle für die je eigene Abwesenheit der Lesenden.

02

Die unmögliche Begegnung am Horizont

Himmel und Meer treffen sich nur für das Auge. Der Horizont zeigt Vereinigung und weicht zugleich vor jedem Boot zurück, das sich ihm nähert. Die Suche findet damit in einer unmöglichen Geometrie statt: genau dort, wo Trennung am stärksten wie Berührung aussieht.

Das griechische smígei ist körperlicher als „trifft“; es kann ein Sichverbinden oder inniges Vermischen bezeichnen. Die Sprache verspricht eine leibliche Annäherung, die der Raum verweigert. Die lyrische Wendung „um das Salz zu kosten“ versucht, diese Sinnlichkeit ins Deutsche zu retten.

03

Sole auf der Haut

Armyra bedeutet nicht bloß „Meer“. Es ist das Salzige als Stoff, Geschmack, Geruch und Spur auf der Haut. „Sole“ behält diese Konzentration, klingt im Deutschen jedoch auch technisch, heilkundlich oder mit Konservierung verbunden. Gerade diese leichte Fremdheit verleiht der textnahen Fassung Widerstand.

In der körperlich-sozialen Lektüre stammt das Salz aus menschlichem Schweiß. Es trägt Arbeit, Begehren, Hitze, Angst und gedrängte Nähe in sich. Anthropologische und soziologische Studien zeigen Schweiß als Materie, die Intimität, Abwehr, soziale Unterscheidung und neue Beziehungen organisiert. Das Meer ist zugleich äußere Landschaft und kollektive Ausscheidung.

04

Das Meer als Menge

Besteht das Meer aus Menschen, werden Körper zu Tropfen, Bewegungen zu Strömungen und Dichte zur Welle. Bei Canetti hebt die Menge die gewöhnlichen Distanzen zwischen Körpern auf; neuere somatische Ansätze betonen ebenso, dass sie keine abstrakte Zahl ist, sondern Berührung, Druck, Rhythmus und Verwundbarkeit.

Die Einsamkeit des Gedichts verschärft sich dadurch. Der fehlende Mensch fehlt nicht in einer leeren Welt, sondern ist unter sehr vielen unauffindbar. „Ich suche dich“ wird zum sozialen Problem, einen einzigartigen Körper in der Fülle aller anderen zu erkennen.

05

Der Zweisitzer: minimale Gesellschaft

Nach der Weite des Horizonts zieht die abgehackte Beschreibung des kleinen Fahrzeugs den Maßstab jäh zusammen. „Zweisitzer“ klingt im Deutschen wie eine Typenbezeichnung für Auto oder Flugzeug. Diese fast mechanische Störung entspricht der überraschend technischen Färbung von dithésio im griechischen Gedicht.

Fassungsvermögen wird zum Schicksal. Zwei Sitze bilden die kleinste Gesellschaft — Ich und Du — gegenüber der Masse des Menschenmeers. Weil der zweite Platz schon vorhanden ist, bevor sein Passagier gefunden wird, erhält Abwesenheit eine Architektur: Sie wird leerer, zählbarer Raum.

06

Meerjungfrauen im Abendrot

Der Zweifel tritt leise und umgangssprachlich ein: „Doch ich glaube“. Das Gegenüber wird nicht für tot oder endgültig verloren erklärt; es „hält sich dort“ nur nicht mehr auf. Das griechische Verb für regelmäßiges Aufsuchen lässt die mythische See wie ein Café, einen Platz oder einen vertrauten Treffpunkt erscheinen.

Dýsi bedeutet Westen, Sonnenuntergang und Niedergang. Die Meerjungfrauen können in einer Himmelsrichtung, im sterbenden Licht oder in der Entzauberung einer Epoche verschwinden. „Vielleicht“ lässt eine schmale Öffnung: Der Mythos ist nicht widerlegt, nur schwerer sichtbar geworden.

07

Ruder, Hingabe, Auslöschung

Das Ruder ist das letzte Werkzeug persönlicher Richtung. Es loszulassen versenkt das Boot nicht aktiv, beendet aber den Widerstand gegen die Strömung. Die Geste schwebt zwischen Erschöpfung, Schicksalsergebenheit und einem dunklen Wunsch nach Selbstauflösung.

Das Gedicht lässt sich als Folge 2 → 1 → 0 lesen: zwei Plätze, ein Rudernder, kein unterscheidbares Selbst mehr, sobald die Sole es auslöscht. Intim ist das Verschwinden die äußerste Folge des Verlusts; sozial löst das Salz aller den Einzelnen auf. Das Meer wird vom Raum der Suche zum handelnden Medium der Tilgung.

III

Übersetzungswerkstatt

Für die entscheidenden griechischen Wörter gibt es keine deckungsgleichen Entsprechungen. Die Entscheidungen zeigen, was jede Überfahrt gewinnt und preisgibt.

Στη Θάλασσα

Auf See / Draußen auf See / Das Menschenmeer

„Auf See“ bezeichnet Zustand und Ort; „draußen“ verstärkt die Ferne; der dritte Titel legt die soziale Metapher offen.

αρμύρα

Sole / Salzflut / Salz unseres Schweißes

Keine Wahl bewahrt zugleich Meer, Geschmack, Haut und kollektiven Rückstand. Die drei Fassungen verteilen diese Bedeutungen.

πλεούμενο

Wasserfahrzeug / Boot

Das griechische Wort ist allgemein und bescheiden. „Wasserfahrzeug“ ist genau, aber sperrig; „Boot“ natürlich, aber bestimmter.

διθέσιο

Zweisitzer / für zwei gemacht / Platz für zwei

Die erste Form bewahrt das technische Register; die anderen rücken Beziehung und leere Stelle nach vorn.

συχνάζεις

sich aufhalten / entlangtreiben / sich bewegen

Das griechische Wort meint wiederholte soziale Anwesenheit. Keine maritime Formulierung trifft zugleich seine Alltäglichkeit.

δύση / σβήσει

Westen · Abendrot · Niedergang / auslöschen

Im Griechischen sind das Ende des Lichts und das Ende der menschlichen Spur auch klanglich enger verbunden, als es im Deutschen möglich ist.

IV

Quellen und Dialoge

Die Verweise beweisen keine einzig richtige Interpretation. Sie dienen der Edition als begriffliche Gesprächspartner.

  1. Panagiotis KatopodisΣτη Θάλασσα — original publicationFacebook, 2021
  2. Panagiotis KatopodisPoems — Spring 2026Academia.edu, 2026
  3. Elias CanettiCrowds and PowerFarrar, Straus and Giroux
  4. Christian BorchBody to Body: On the Political Anatomy of CrowdsThe Sociological Review, 2009
  5. Julie Soleil ArchambaultSweaty motions: Materiality, meaning, and the emerging sociality of sweatAmerican Ethnologist, 2022
  6. Elena BeregowToward a sociology of sweatingSoziale Passagen, 2025
  7. Matthew SteeleThe Somatic Crowd: A Biopolitical ExaminationJournal of Historical Sociology, 2025
  8. DudenSole — Bedeutung und Herkunft